Valeriia Hutskalova ist eine humorvolle "Werkzeugmacherin" der Chemie
Prix Schläfli 2026 in Chemie: Eigentlich wollte sie Pianistin werden. Doch dann entdeckte sie ihren Spass an der Chemie. Jetzt wird Valeriia Hutskalova mit dem Prix Schläfli ausgezeichnet. In ihrer Dissertation an der Universität Basel zeigt sie, dass sich selbst besonders stabile Molekülringe gezielt «aufschneiden» und neu zusammensetzen lassen.

Astrid Tomczak-Plewka
Es gibt diesen Moment im Leben von Valeriia Hutskalova. Die Teenagerin nahm mit ihrer Schule an der Wissenschaftsolympiade in Chemie teil. «Das war bei uns in der Ukraine sehr populär», erzählt sie. «Und es hat so viel Spass gemacht.» Dabei war Valeriia eigentlich davor auf etwas ganz anderes fixiert. Sie wollte Pianistin werden, war am Konservatorium und übte fleissig. Kein Wunder, sie hatte in ihrer Mutter ein Vorbild, dem sie nacheiferte. Doch dann kam besagter Tag und sie wusste: «Chemie und nichts anderes. Das war der grosse Augenblick in meinem Leben.» Die Gymnasiastin konzentrierte sich für den Rest ihrer Schulzeit auf Chemie, studierte später in Kyjiw und wechselt dann für ihr Masterstudium 2019 nach Basel, wo sie später auch ihre Dissertation schrieb. Die richtige Weichenstellung, wie es scheint: Die junge Frau erhält den diesjährigen Prix Schläfli für Chemie. Und wer mit ihr spricht, bekommt den Eindruck, dass sie auch nach Jahren den Spass an der Materie nicht verloren hat. «Als Kind habe ich Erklärungen für buchstäblich alles gesucht, einschliesslich der Frage, wie wir als Menschen funktionieren, welche Moleküle in unserem Körper zu finden sind, wie man Medikamente herstellt und wie sie wirken», sagt sie. «Diese Fragen finde ich immer noch faszinierend. Auch wenn ich mich heute mit komplexeren Problemen beschäftige als damals.»
Was niemand für möglich gehalten hätte
Um diese Komplexität verständlich zu machen, greift Valeriia Hutskalova zu einem Bild: «In der organischen Synthese haben wir eine Art Werkzeugkasten», sagt sie. «Einige Werkzeuge sind wie eine Schere und schneiden Moleküle, andere kleben sie zusammen.» In ihrer Dissertation hat Valeriia Hutskalova diesen Werkzeugkasten erweitert: Die Doktorandin entwickelte eine Methode, mit der sich sogenannte aromatische Ringe öffnen lassen – besonders stabile Strukturen, bei denen lange galt, dass sie sich kaum verändern lassen. Umso grösser war die Überraschung, als es ihr gelang: «Viele hatten nicht geglaubt, dass man diese Ringe überhaupt schneiden kann», sagt sie. «Das war eines dieser verrückten Projekte, bei denen man nicht weiss, ob es überhaupt funktionieren wird», sagt sie. Dass es gelungen ist, sei wie «the cherry on the cake» nach einem langen Prozess. Daraus könnten sich ganz neue Möglichkeiten ergeben, etwa um Wirkstoffe gezielter herzustellen. Aromatische Verbindungen stecken in den meisten Medikamenten – wer sie aufbrechen und neu zusammensetzen kann, eröffnet der Chemie neue Wege. Gleichzeitig liefert ihre Arbeit eine Grundlage für künftige Methoden, mit denen sich komplexe Moleküle einfacher und effizienter herstellen lassen.
Schon während ihres Studiums sammelt Valeriia Hutskalova Erfahrung in der Industrie. Dort konnte sie zwar vieles umsetzen, was sie interessierte. Aber es fehlte ihr trotzdem etwas: «In der Industrie ist man stärker an Vorgaben gebunden», sagt sie. In der akademischen Welt hingegen habe sie die Freiheit, «jede Herausforderung und jede Fragestellung zu wählen, die man bearbeiten möchte». Darunter eben auch «verrückte Ideen», bei denen unklar ist, ob sie überhaupt funktionieren und deren Nutzen sich erst später zeigt. «Wenn es dann funktioniert, ist es ein grosser Erfolg – nicht nur für einen selbst, sondern auch für andere, die darauf aufbauen können.»
Dieses ganzheitliche, zukunftsorientierte Denken prägt auch ihre Tätigkeit in Oxford, wo sie zurzeit als Postdoktorandin forscht und Studierende unterrichtet – mit grossem Engagement: «Ich versuche ihnen möglichst viel mitzugeben», sagt sie. Und sie träumt den Traum vieler Nachwuchsforscherinnen: Eines Tages eine eigene Forschungsgruppe aufzubauen, am liebsten in Deutschland oder in der Schweiz. «Ich habe dort gute Erfahrungen gemacht und würde gerne zurückkehren.»
Superkraft Humor
Beim Stichwort «Rückkehr» schwingt natürlich auch der Gedanke an ihre Heimat mit: Ihre Familie ist in der Ukraine, ihr Bruder ist als Chirurg im Kriegseinsatz. «Natürlich beschäftigt mich das sehr, und meine Gedanken sind oft bei meiner Familie in der Ukraine», sagt sie. «Aber ich denke, gerade in solchen Situationen sollte man sich auf das konzentrieren, was man am besten kann. Für mich heisst das: Forschung und Lehre.» Gleiches gelte für ihre Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine. «Sie setzen ihre Arbeit trotz des Krieges und unter sehr schwierigen und gefährlichen Bedingungen fort – eine große Inspiration für mich.» Sie bewundere sie dafür und versuche, sich nicht vom Krieg beeinflussen zu lassen. Deshalb pflegt sie auch ihre Hobbies. Ihr Klavier konnte sie nicht mit nach England nehmen. Statt zu musizieren geht sie ins Fitnessstudio und besucht dort alle möglichen Gruppenangebote. Und sie zeichnet: «Beim Zeichnen vergesse ich alles und gehe mit einem positiven Gefühl in den nächsten Tag.» Diese positive Grundhaltung zeigt sich auch im Gespräch: Immer wieder hat sie ein Lächeln im Gesicht, wirkt gelöst und fröhlich. Sie macht ihre Herkunft dafür verantwortlich: «Odessa gilt in der Ukraine als Hauptstadt des Humors», erklärt sie. «Das hat mich wohl geprägt.» So erzählt sie ihren Studierenden auch mal einen Witz, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und wenn es in ihrer Forschung mal nicht ganz rund läuft, sucht sie ebenfalls Trost im Humor. «Es ist quasi meine Superkraft: Ich lache lieber über ein missglücktes Experiment, statt mich darüber aufzuregen.»

