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Astrid Stubbusch entdeckt jagende Bakterien

Prix Schläfli 2026 in Biologie: Schon früh wollte Astrid Stubbusch dem Leben in all seinen Formen auf den Grund gehen. In ihrer Dissertation an der Eawag zeigt sie, welche überraschenden Strategien Bakterien entwickeln, um Nahrung zu finden. Dafür wird sie nun mit dem Prix Schläfli in Biologie ausgezeichnet.

Astrid Stubbusch
Astrid Stubbusch
Astrid StubbuschBild: Samuel Wilks
Bild: Samuel Wilks

Astrid Tomczak-Plewka

Astrid Stubbusch lacht. Es ist die spontane Reaktion auf die Frage, ob sie während ihrer Dissertation je dachte, auf einer komplett falschen Fährte zu sein. «Ich würde fast sagen, dass ich das während der ganzen vier Jahren dachte», sagt sie. «Und zwar im Wissen, dass ich mir das selber eingebrockt habe.» Das, was sie sich da eingebrockt hatte, war die Idee, dass Bakterien andere Zellen als Nahrungsquelle nutzen.

Neuen Nährstoffkreislauf im Meer entdeckt

Zunächst hatte sie sich mit einer grossen ökologischen Frage beschäftigt: Wie kommen Mikroorganismen im Meer an Energie, wenn kaum Nährstoffe vorhanden sind? Da in der Forschung schon lange die Rolle von Viren als Freisetzer von Nährstoffen bekannt war, kam Stubbusch zu einer anderen Überlegung: Wenn auch Bakterien andere Zellen zerstören können, könnte das doch ebenfalls Einfluss darauf haben, wie Nährstoffe im Meer freigesetzt werden. Zeitgleich machte ein Postdoc-Student in der Gruppe, in der Stubbusch arbeitete, eine Entdeckung: Er hatte zwei marine Bakterienstämme zusammengebracht und gesehen, dass der eine den anderen tötet. Stubbusch griff diese Beobachtung auf und entwickelte daraus ihr Dissertationsprojekt. Ihr Kernbefund: Gewisse Bakterien töten mit einem Proteinkomplex, einer Art «giftiger Speer», andere Zellen tatsächlich, um an Nahrung zu gelangen. «Damit können sie sich vor dem Verhungern retten», so die Biologin. Bis dato war die Forschung davon ausgegangen, dass Bakterien diese Waffen lediglich einsetzen, um Konkurrenten auszuschalten. Stubbusch konnte nun zeigen, dass zwei oder drei getötete Zellen dem Angreifer genug Energie liefern, damit dieser sich selber wiederum teilen kann. Und das hat Auswirkungen auf zentrale Stoffkreisläufe in marinen Ökosystemen. Sie habe einen «bedeutenden wissenschaftlichen Beitrag zu unserem Verständnis des mikrobiellen Lebens und des Nährstoffkreislaufs» geleistet, heisst es im Nominationsschreiben für den Prix Schläfli.

Damit ist Stubbusch wieder bei den grossen Fragen, die sie bereits als Kind beschäftigten: «Das Lebendige fand ich immer faszinierend» sagt sie. «Alles hat eine besondere Struktur, eine besondere Funktionsweise, und hat sich wahnsinnig gut ans Überleben angepasst», sagt sie und die Begeisterung sprudelt förmlich aus ihr heraus. «Vom Menschen bis zum Einzeller, alle Lebewesen sind so einzigartig gestaltet und können ganz komplexe Funktionen ausführen.» Diese Neugier, dem Leben auf den Grund zu gehen, war nicht zuletzt durch ihr Elternhaus geprägt. Ihre Mutter ist Biochemikerin, ihr Vater Physiker, der eine Firma in der Luftfahrtkommunikation gründete. Sie und ihre Schwester sassen manchmal in der Teeküche und malten Dinosaurierbilder aus, während ihre Mutter im Labor arbeitete. Und in den Sommerferien kurvten die beiden Mädchen mit Inlineskates im Satellitenpark herum.

Das lange Zweifeln und Grübeln zahlt sich aus

Sie entschied sich fürs Studium der Biowissenschaften in Heidelberg und kam später für ihre Dissertation an die Eawag, das Wasserforschungsinstitut der ETH. Dass sie nun mit dem Prix Schläfli ausgezeichnet wird, bedeutet ihr viel. «Ich habe mich riesig gefreut», sagt Stubbusch. «Das ist eine Bestätigung dafür, dass sich das lange Zweifeln und Grübeln auszahlt». Seit anderthalb Jahren arbeitet sie als Postdoktorandin an der Monash University in Melbourne, wo sie mit ihrem englischen Partner lebt. In Australien forscht sie daran, wie Mikroorganismen ihre Stoffwechselstrategien an unterschiedliche Lebensräume anpassen und so zur Stabilität von Ökosystemen und zur Gesundheit beitragen können. Daneben versuche sie «auch ein bisschen was von Australien zu sehen – einfach rauszugehen in die Natur, das ist schon etwas ganz Besonderes hier.» Neu ist die Erfahrung, am Meer zu leben. Und sie geniesst es: «Wir haben das Segeln entdeckt.»

Das Element Wasser spielt allerdings in ihrer Freizeitgestaltung schon länger eine wichtige Rolle. In ihrer Studienzeit entdeckte sie ein neues Hobby: Unterwasserhockey. Dabei konnte sie davor weder mit Hockey noch mit Tauchen was anfangen, wie sie lachend sagt. «Aber dann habe ich Leute kennengelernt, die Unterwasserhockey spielen, und bin da so reingerutscht - und am Ende sogar in der Nationalmannschaft gelandet». Die Begeisterung ist auch heute noch spürbar: «Das macht richtig Spass – es ist ein sehr verbindender Teamsport. Und unter Wasser ist man in einer ganz anderen Welt.» In einer Welt, die sie nicht nur durch die Taucherbrille, sondern auch mit den Augen einer Forscherin sieht. Wer weiss, was sie dabei als Nächstes entdeckt.

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